Indische Schwäne in Meißen

Die gebürtige Meißnerin Anne Dietrich kehrte mit einem indischen Ensemble und „Schwanensee” in ihre Heimatstadt zurück.

Indische Schwäne in Meißen
Solch ein Schwanensee-Erlebnis haben selbst versierte Ballettkenner noch nie gesehen. Mit 18 Tänzerinnen aus Asien verwandelte Anne Dietrich das Theater in einen indischen Tempel. Lange Saris glitten mit Grazie über die Bühne.Anne Dietrich steht wieder auf der Bühne des Meißner Theaters. Für die gelernte Tänzerin sicherlich kein großer Akt, stand sie doch schon vor 14 Jahren zum ersten Mal auf diesen Planken. Aber heute ist alles anders für die 31-Jährige. …

… Statt in weiche Ballettschuhe gehüllt, stehen ihre Füße nackt auf dem geschwärzten Holz. Kein weißes Kleidchen lüftet sich beim Kreisen auf den Zehenspitzen, sondern ein goldbestickter Tanz-Sari wallt sich im rhythmischen Takt der fließenden Bewegungen des Mohiniyattam. Diesem Tanzstil aus dem heißen Süden Indiens widmet sich Anne Dietrich seit 2005. Schon im zarten Alter von sechs Jahren feierte die gebürtige Meißnerin ihre Bühnenpremiere mit dem Ballettensemble des Tanzstudios Novack. Es begann eine Leidenschaft, die sie quer durch die Welt über Hunderte von Bühnen tragen sollte. Auf die hobbymäßigen Erfahrungen in der Heimat folgten Studien der Kultur-, Medien- und Tanzpädagogik. Ein Auslandssemester führte sie zwischenzeitlich in den Norden Irlands, an die Universität von Ulster. Dort ging es um ihre Fähigkeiten im Schauspiel. In Deutschland lernte sie nicht nur das Tanzbein zu schwingen. Nein, sie erhielt auch Klavierunterricht, bildete sich in Musiktheorie und klassischem Gesang. Anschließend betätigte sich Anne Dietrich als Tänzerin und Darstellerin und pendelte dabei zwischen verschiedensten Theatern und Projekten. Das Mitteldeutsche Theater war ihr lange ein Zuhause, wo sie klassische Stücken wie „Die verkaufte Braut” und „Die lustige Witwe” umsetzte. Aber es trieb sie trotzdem immer wieder in die Ferne. Einige Zeit gehörte sie einem Tanzensemble im irischen Londonderry an, arbeitet zusätzlich als Choreographin und Tanzpädagogin.

Aus drei Monaten werden fünf Jahre

Zu einer Leidenschaft gehört immer auch der Forscherdrang, der Hang zum ständigen Suchen nach Neuem, Exotischem. Der 31-Jährigen fehlten im klassischen Tanz der Schwung und die Eleganz, alles erschien ihr ein wenig zu statisch und steril. So erkundigte sie sich nach neuen Wegen, wollte andere Gefilde des Tanzes erschließen. Ein Bekannter brachte sie schließlich auf eine Idee, die sie tausende von Kilometern in die Ferne verschlagen sollte.Kerala hieß das neue Ziel, gelegen im Süden Indiens. „Am Anfang war alles sehr schwierig, und eigentlich wollte ich auch nur drei Monate bleiben”, sagt Anne. Daraus wurden schließlich fünf Jahre harten Studiums bei verschiedenen Gurus, wie sich die Lehrer traditionell nennen. Sie führen den Schüler aus der Dunkelheit in das Licht der Erkenntnis, so sagt man. Und Anne hatte Glück. Mit Kalamandalam Leelamma, Pallavi Krishnan und Bharati Shivaji bekam sie die Unterweisung hoch angesehener Professoren. Doch auch das brachte Schwierigkeiten mit sich, erfährt ein Lehrender in Indien doch eine für Europäer sehr gewöhnungsbedürftige Behandlung. „Ich hatte große Schwierigkeiten mit den Traditionen und Sitten”, berichtet Anne Dietrich. Oft trat sie naiv und unbeabsichtigt ins Fettnäpfchen, setzte sich zum Beispiel unbehelligt neben ihren Meister, wo doch ein Schüler stets eine Ebene tiefer Platz nehmen muss. „Viele große, erschrockene Augen verfolgten in der ersten Zeit alle meine Bewegungen”, erzählt sie. Aber Faszination und der unstillbare Forschergeist ließen sie durchhalten. Sie entdeckte einen Tanz, der die klassisch Ausgebildete mit seiner lyrischen und betont femininen Art vollends in seinen Bann zog. „Durch die eleganten Handbeegungen, Mudras genannt, sowie Schauspiel und Mimik ergibt sich beim Mohiniyattam eine Sprache, die ohne Worte auskommt”, beschreibt Anne Dietrich mit funkelnden Augen.
Derer gab es am Donnerstag viele, als die gebürtige Meißnerin mit 18 Kollegen aus Asien das Meißner Theater für eine Stunde in einen indischen Tempel verwandelte. Lange Saris glitten mit Grazie über die Bühne, harmonierten perfekt mit der orchestralen Musik des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Ein Schwanensee-Erlebnis, wie es selbst versierte Ballettkenner noch nie gesehen haben.

Ovationen im Bolschoi-Theater

Zu verdanken ist diese gelungene Symbiose der Kulturen der Choreographin Vijayalakshmi. Deren Mutter, zugleich ihr Guru, brachte die Inderin 1987 erstmals nach Russland, wo sie sich in die westliche Musik verliebte. Seit 2005 wurde das Stück über 40 Mal national und international auf die Bühne gebracht, erntete im Moskauer Bolschoi-Theater stehende Ovationen. Nun ist das Kollektiv anlässlich 60 Jahre deutsch-indischer Zusammenarbeit in Deutschland unterwegs. „Es war mein sehnlicher Wunsch, dieses außergewöhnliche Stück in meiner Heimatstadt aufführen zu können”, schwärmt die gebürtige Meißnerin.
Das überwältigte Publikum dankte es ihr und dem ganzen indischen Ensemble mit rauschendem Applaus, einem bunten Blumenregen und vielen herzlichen Worten.

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Quelle: Sächsiche Zeitung | 11.03.2013 | von Bernhard Teichfischer

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